Blindheit: Nicht die Augen sind blind, sondern das schweigende Gewissen
Der Mensch glaubt oft, die Welt allein mit seinen Augen zu erkennen. Doch die Wahrheit zu sehen ist eine weitaus tiefere Fähigkeit als bloß zu schauen. Das Auge nimmt lediglich das Licht wahr; Sinn und Bedeutung entstehen erst durch Gewissen, Vernunft und Moral. Deshalb besteht die größte Blindheit des Menschen nicht im Verlust seines Sehvermögens, sondern darin, den inneren Blick zu verlieren, der ihn befähigt, Wahrheit zu erkennen. Genau dieser Frage geht José Saramagos Roman Blindheit ( Ensaio sobre a Cegueira ) nach. Der Roman erzählt nicht von einer biologischen Krankheit, sondern ist eine kraftvolle philosophische Allegorie über den moralischen und gesellschaftlichen Zerfall des Menschen. Die Geschichte beginnt mit einem Mann, der an einer Ampel plötzlich von einer rätselhaften „weißen Blindheit“ befallen wird. Innerhalb kürzester Zeit breitet sich die Krankheit über die gesamte Stadt aus. Um die Epidemie einzudämmen, bringen die Behörden die Erkrankten in eine verlassene psychi...