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Wie sollte man leben?

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Irgendwann bleibt der Mensch stehen. Während das Leben fließt, die Tage ineinander übergehen und man sich durch Menschenmengen bewegt, stößt man plötzlich auf sich selbst: Wie sollte man leben? Veröffentlichungsdatum: 04. Februar 2026 Diese Frage entsteht nicht aus Wissen. Auch nicht aus Erfolg, Titeln oder Besitz. Meist kommt sie mit einer Müdigkeit. In einem Moment, in dem wir spüren, wie sich innerlich eine Leere ausbreitet, wie sich der Sinn leise zurückzieht… Lew Tolstoi stellte diese Frage nicht mit der kühlen Gelassenheit eines Denkers, sondern mit der bebenden Stimme eines Menschen, der alles erlebt hatte. Er sah Ruhm, kannte Reichtum, trug das Gewicht von Anerkennung. Und dennoch stand er vor diesem Satz: „Wenn das Leben keinen Sinn hat, dann ist auch das Leben selbst sinnlos.“ Was den Menschen wirklich erschüttert, ist nicht der Mangel, sondern die innere Leere trotz allem Besitz. Für Tolstoi ist es nicht das Böse, das den Menschen in die Irre führt, sondern etwas viel...

Austens eigentliches Anliegen ist nicht die Liebe, sondern das Urteil

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Liebe Leserinnen und Leser, in meiner Kolumne dieses Monats begegne ich Ihnen mit einem Text, der sich deutlich von meinen bisherigen unterscheidet. Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil hat auch zweihundert Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Aktualität verloren – im Gegenteil: In der heutigen Welt erscheint er sogar noch bedeutungsvoller. Stolz und Vorurteil beginnt auf den ersten Blick wie eine vertraute Liebesgeschichte. Doch je weiter man liest, desto deutlicher wird, dass der Roman weit mehr ist als eine romantische Erzählung. Er zeigt, wie Menschen einander falsch lesen, wie die Gesellschaft Individuen in bestimmte Rollen zwingt und insbesondere, wie Frauen innerhalb dieser engen Grenzen zum Denken und Abwägen gezwungen werden. Austens eigentliches Thema ist nicht die Liebe, sondern das Urteil – die Liebe ist lediglich der Raum, in dem diese Urteile auf die Probe gestellt werden. Elizabeth Bennet steht im Zentrum dieser Prüfung. Was sie von vielen weiblichen Figur...

Timshel: Die Kraft des Wählens

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Für diesen Monat habe ich für euch, liebe Leserinnen und Leser, ein Werk ausgewählt, das man fast als den Tanz des Menschen mit seinem Schicksal bezeichnen könnte: Jenseits von Eden von John Steinbeck. In der Hoffnung, dass es uns hilft, bessere Entscheidungen zu treffen. Ist es dir schon einmal passiert, dass du zwischen dem Guten und dem Bösen in dir selbst eingeklemmt geblieben bist? Genau von diesem Zwiespalt erzählt Steinbeck in Jenseits von Eden. Wenn du Von Mäusen und Menschen oder Früchte des Zorns gelesen hast, weißt du, wie gut er die menschliche Seele versteht. Aber dieser Roman … ist etwas ganz anderes. Als er 1952 erschien, wirkte er zunächst wie eine bloße Familiengeschichte, doch in Wirklichkeit erzählt er den ältesten Kampf des Menschen gegen das Schicksal neu. Steinbeck verwandelt das Salinas Valley in Kalifornien, wo er geboren und aufgewachsen ist, in eine Bühne. In diesem Tal leben zwei Familien: die Trasks und die Hamiltons. Doch dies ist nicht nur die Geschich...

Auf der Suche nach der eigenen Identität im Schatten der Freundschaft

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  Auf der Suche nach der eigenen Identität im Schatten der Freundschaft In der Welt der Literatur gibt es Werke, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern auch den Geist einer ganzen Generation einfangen. Elena Ferrantes Roman Meine geniale Freundin ist genau ein solches Buch. Ferrante, die ihre Identität geheim hält und dennoch zu einer der sichtbarsten Autorinnen der Gegenwart geworden ist, hat mit ihrer vierbändigen Reihe, den sogenannten Neapolitanischen Romanen, die literarische Bühne nachhaltig geprägt. Eine Geschichte, geboren in den Straßen Neapels Auf den ersten Blick scheint Meine geniale Freundin eine Erzählung über Freundschaft zu sein. Doch je weiter man liest, desto mehr erkennt man, dass es um weit mehr geht: um die Schmerzen des Frauseins, die gesellschaftlichen Erwartungen, den Klassenkonflikt – und vor allem um die Suche nach der eigenen Identität. Der Roman führt uns in das Neapel der 1950er Jahre. Zwei Mädchen wachsen in einem armen Viertel auf: Elena...