Wie sollte man leben?
Irgendwann bleibt der Mensch stehen. Während das Leben fließt, die Tage ineinander übergehen und man sich durch Menschenmengen bewegt, stößt man plötzlich auf sich selbst: Wie sollte man leben?
Veröffentlichungsdatum: 04. Februar 2026
Diese Frage entsteht nicht aus Wissen. Auch nicht aus Erfolg, Titeln oder Besitz. Meist kommt sie mit einer Müdigkeit. In einem Moment, in dem wir spüren, wie sich innerlich eine Leere ausbreitet, wie sich der Sinn leise zurückzieht… Lew Tolstoi stellte diese Frage nicht mit der kühlen Gelassenheit eines Denkers, sondern mit der bebenden Stimme eines Menschen, der alles erlebt hatte. Er sah Ruhm, kannte Reichtum, trug das Gewicht von Anerkennung. Und dennoch stand er vor diesem Satz:
„Wenn das Leben keinen Sinn hat, dann ist auch das Leben selbst sinnlos.“
Was den Menschen wirklich erschüttert, ist nicht der Mangel, sondern die innere Leere trotz allem Besitz. Für Tolstoi ist es nicht das Böse, das den Menschen in die Irre führt, sondern etwas viel Alltäglicheres: eine zur Gewohnheit gewordene Blindheit. Der Mensch lebt das Leben, das andere für ihn entworfen haben – und nennt es später Schicksal. Er passt sich Erwartungen an, wird der Masse ähnlich, seine Stimme wird leiser. Mit der Zeit lernt er, sein eigenes Gewissen nicht mehr zu hören. Und hält das für Reife.
Dabei ist die Frage einfach, aber schwer zu tragen:
Wirst du jemand, den andere gutheißen – oder jemand, von dessen Richtigkeit du selbst überzeugt bist?
Der moderne Mensch lebt schnell, aber nicht tief. Er ist ständig beschäftigt, selten wirklich wach. Er redet viel, hört wenig zu. Er konsumiert viel, fühlt wenig. Er füllt sein Leben, doch lässt sein Inneres leer. Die Tage werden voll, der Mensch wird weniger. Tolstoi hätte diesen Zustand nicht als Fortschritt, sondern als Krankheit bezeichnet.
Für ihn ist wahres Leben nicht prunkvoll, sondern ehrlich. Nicht laut, sondern schlicht. Es stützt sich nicht auf den Applaus anderer, sondern auf das eigene Gewissen. Ohne Mühe bleibt niemand rein. Wer sich von der Erde entfernt, entfernt sich nicht nur von der Natur, sondern auch von sich selbst. Tolstois Antwort ist ein moralischer Aufruf; nicht romantisch, sondern unbequem:
Normalisiere keine Gewalt. Bewundere keine Macht. Prahle nicht mit dem, was du besitzt. Werde Mensch durch das, worauf du verzichten kannst. Denn der Wert eines Menschen liegt nicht in der Überlegenheit über andere, sondern in der Fähigkeit, das Leid anderer zu fühlen.
Die Frage „Wie sollte man leben?“ ist in Wahrheit eine andere Frage:
Was für ein Mensch sollte man sein?
Die Antwort ist klar, doch sie hat ihren Preis. Der Mensch sollte leben, ohne sich selbst zu belügen. Ohne den eigenen Komfort zu verherrlichen, ohne die Arbeit anderer unsichtbar zu machen, ohne Ungerechtigkeit mit den Worten „So ist nun mal die Ordnung“ zu rechtfertigen…
Güte ist kein Schmuck. Nicht nur eine Charaktereigenschaft. Sie ist eine Verantwortung.
Heute lastet diese Frage vielleicht schwerer denn je. Denn der Lärm ist größer geworden, die Stille seltener. Wissen ist überall, Weisheit selten. Die Zeit hat sich beschleunigt, und der Mensch hat vergessen, langsamer zu werden. Wir schaffen alles – nur bei uns selbst kommen wir zu spät an. Würde Tolstoi heute leben, würde er vielleicht denselben Satz sagen:
„Wenn du das Leben verbessern willst, beginne bei dir selbst.“
In dieser Zeit ist es leicht, über die Welt zu sprechen. Über das Böse zu reden, das System zu kritisieren, andere zu beschuldigen – das ist leicht. Schwer ist es, in den Spiegel zu schauen.
Wo warst du, als Schweigen herrschte?
Warum hast du weggesehen, obwohl du gesehen hast?
Welche Ungerechtigkeit hast du akzeptiert, nur weil sie dich nicht betraf?
Vielleicht können wir die Welt nicht retten. Vielleicht können wir keine großen Sätze formulieren, keine großen Veränderungen auslösen. Aber der Mensch kann die Richtung seines eigenen Lebens ändern. Indem er langsamer lebt. Mit weniger zufrieden ist. Ehrlicher ist. Und vor allem, indem er sein Gewissen nicht zum Schweigen bringt.
Wenn die Frage „Wie sollte man leben?“ schmerzt, dann nicht, weil sie unbeantwortet ist. Sondern weil die Antwort etwas von uns verlangt. Unseren Komfort, unsere Gewohnheiten, einige unserer Privilegien… vielleicht auch die Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Denn selbst wenn der Mensch die Welt nicht retten kann, kann er leben, ohne seine eigene Seele zu beschmutzen. Und manchmal ist genau das die größte Revolution, die möglich ist.
Deniz Boyraci / Literaturzeitung / Februar 2026 / Ausgabe 37

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