Auf der Suche nach der eigenen Identität im Schatten der Freundschaft

 


Auf der Suche nach der eigenen Identität im Schatten der Freundschaft

In der Welt der Literatur gibt es Werke, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern auch den Geist einer ganzen Generation einfangen. Elena Ferrantes Roman Meine geniale Freundin ist genau ein solches Buch. Ferrante, die ihre Identität geheim hält und dennoch zu einer der sichtbarsten Autorinnen der Gegenwart geworden ist, hat mit ihrer vierbändigen Reihe, den sogenannten Neapolitanischen Romanen, die literarische Bühne nachhaltig geprägt.

Eine Geschichte, geboren in den Straßen Neapels

Auf den ersten Blick scheint Meine geniale Freundin eine Erzählung über Freundschaft zu sein. Doch je weiter man liest, desto mehr erkennt man, dass es um weit mehr geht: um die Schmerzen des Frauseins, die gesellschaftlichen Erwartungen, den Klassenkonflikt – und vor allem um die Suche nach der eigenen Identität.


Der Roman führt uns in das Neapel der 1950er Jahre. Zwei Mädchen wachsen in einem armen Viertel auf: Elena und Lila. Sie sind grundverschieden, und doch verbindet sie ein starkes Band. Elena ist fleißig, ruhig und bleibt oft im Hintergrund, während Lila wie ein Feuer lodert – klug, stolz und rebellisch.


Ihre Freundschaft besteht nicht nur aus geteilten schönen Momenten, sondern auch aus Neid, Rivalität und Schmerz. Während Elena versucht, durch Bildung die Grenzen des Viertels zu überwinden, verstrickt sich Lila immer tiefer in die gesellschaftlichen Zwänge. Diese Entwicklung verbindet die beiden – und trennt sie zugleich.


Ferrantes Erzählkunst


Ferrantes Sprache ist kraftvoll, gerade weil sie schlicht ist. In dieser Schlichtheit liegt etwas Natürliches, Echtes und Bewegendes. Ohne Übertreibung oder überflüssigen Zierrat legt sie die Seelen ihrer Figuren offen. Beim Lesen denkt man oft: „Das habe ich auch gefühlt.“ Und in den engen Gassen Neapels, die sie beschreibt, glaubt man fast, selbst dort zu stehen.


Ferrantes wahre Magie liegt darin, alltägliche Worte in den Spiegel universeller Gefühle zu verwandeln.


Freundschaft als Licht und Schatten


Der Roman zeigt, dass Freundschaft sowohl tröstlich als auch zerstörerisch sein kann. Für Elena ist Lila zugleich eine leuchtende Inspiration und ein Hindernis, das sie überwinden muss. Bewunderung und Eifersucht verschmelzen – diese Ambivalenz durchzieht jede Seite. Ferrante romantisiert die Freundschaft nicht, sondern zeigt sie nackt, widersprüchlich und wahrhaftig.


Stärken und Schwächen des Romans


Die größte Stärke des Romans liegt in der unglaublichen Authentizität seiner Figuren. Elenas und Lilas Gefühle, Blicke und Konflikte sind so vertraut, dass viele Leserinnen denken: „Ich hatte auch eine Lila in meinem Leben.“

Die Schwäche liegt vielleicht in den manchmal ausführlichen Beschreibungen des Viertels, die das Tempo verlangsamen – doch gerade diese Details machen die Atmosphäre lebendig und glaubwürdig.

Was uns der Roman lehrt

Ferrantes Werk zeigt nicht nur die Freundschaft zweier Mädchen, sondern auch die sozialen Gegensätze des Italien der 1950er Jahre, die unsichtbaren Kämpfe der Frauen und die Chancen (oder Grenzen), die Bildung eröffnet. Vor allem aber erinnert uns der Roman daran, dass Freundschaft nicht nur aus Lachen, sondern auch aus Konflikten besteht.

Einige unvergessliche Zeilen


Lila war für mich zugleich Erlösung und Falle.“


„Die Straße unserer Kindheit hatte die Karte unseres Lebens gezeichnet.“


„Um meinen eigenen Weg zu finden, musste ich zuerst aus ihrem Schatten treten.“


Tragen diese Sätze nicht auch in uns allen ein Echo unserer eigenen inneren Reisen?


„Lila war für mich zugleich Erlö

Fazit


Mit Meine geniale Freundin bringt Elena Ferrante nicht nur die Geschichte zweier Mädchen, sondern auch das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft ins Zentrum der Literatur. Beim Lesen erinnert man sich an eigene Freundschaften – und beginnt, die eigene Identität zu hinterfragen. Ferrantes Meisterschaft liegt darin, eine scheinbar gewöhnliche Freundschaft in ein universelles Erlebnis zu verwandeln.


Vielleicht ist es genau deshalb so schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Zwischen den Zeilen erkennen wir die Schatten unseres eigenen Lebens.


Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern gute Freundschaften.


Deniz Boyraci / Literaturzeitung / Oktober 2025 / Ausgabe 33


https://www.edebiyatgazetesi.com/2025/10/dostlugun-golgesinde-bir-kimlik-arays.html



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