Timshel: Die Kraft des Wählens
Für diesen Monat habe ich für euch, liebe Leserinnen und Leser, ein Werk ausgewählt, das man fast als den Tanz des Menschen mit seinem Schicksal bezeichnen könnte: Jenseits von Eden von John Steinbeck.
In der Hoffnung, dass es uns hilft, bessere Entscheidungen zu treffen.Ist es dir schon einmal passiert, dass du zwischen dem Guten und dem Bösen in dir selbst eingeklemmt geblieben bist? Genau von diesem Zwiespalt erzählt Steinbeck in Jenseits von Eden. Wenn du Von Mäusen und Menschen oder Früchte des Zorns gelesen hast, weißt du, wie gut er die menschliche Seele versteht.
Aber dieser Roman … ist etwas ganz anderes. Als er 1952 erschien, wirkte er zunächst wie eine bloße Familiengeschichte, doch in Wirklichkeit erzählt er den ältesten Kampf des Menschen gegen das Schicksal neu. Steinbeck verwandelt das Salinas Valley in Kalifornien, wo er geboren und aufgewachsen ist, in eine Bühne. In diesem Tal leben zwei Familien: die Trasks und die Hamiltons. Doch dies ist nicht nur die Geschichte einiger Generationen; es ist wie ein modernes Echo der biblischen Kain-und-Abel-Erzählung.
Im Zentrum stehen zwei Brüder: Cal und Aron Trask.
Aron ist rein, gläubig, ein Charakter, der dem Licht nahe steht.
Cal dagegen kämpft mit seiner eigenen Dunkelheit, atmet fast in der Angst, „böse“ zu sein.
Und da ist ein Vater: Adam Trask – auch er muss sich seinem Gewissen stellen.
In den Schicksalen all dieser Figuren hallt ein einziges Wort wider: Timshel.
Dieses Wort hebräischen Ursprungs bedeutet: „Du kannst wählen.“
Steinbeck sagt, dass der Mensch weder gut noch böse geboren wird, aber immer die Kraft hat, Entscheidungen zu treffen. Selbst auf dem Weg, den das Schicksal uns vorgibt, gibt es eine Abzweigung: Du kannst nach rechts gehen oder nach links.
Vielleicht ist das die größte Freiheit des Menschen.
Und ja – es ist auch unsere schwerste, aber schönste Last: Mensch zu sein.
Im Schatten der Helden stehen wir
Die Figuren des Romans sind nicht nur literarische Gestalten; sie sind Spiegel der menschlichen Natur.
Adam Trask ist unser Wunsch, an das Gute zu glauben.
Cathy Ames/Kate ist die Versuchung des Bösen.
Cal ist wir selbst – der Teil von uns, der mit der eigenen Dunkelheit ringt.
Samuel Hamilton und Lee sind die Stimme der Vernunft und der Weisheit.
Steinbeck tut weit mehr, als nur eine Geschichte zu erzählen.
Er legt die menschliche Seele wie in ein Labor, untersucht sie unter dem Mikroskop.
In den Augen jeder Figur finden wir ein Stück von uns selbst.
Steinbecks Sprache ist schlicht, aber kraftvoll. Er beschreibt Natur und Mensch als Einheit.
Man spürt fast den Wind und den Staub des Salinas Valley auf der Haut.
Einige seiner Sätze bleiben lange im Gedächtnis:
„Sein Herz war so trocken wie eine Farm.“
„Sein Gewissen war so im Gleichgewicht wie ein Mann, der über die Schneide eines Messers geht.“
Steinbeck erzählt keine großen Ereignisse, sondern die Konflikte in kleinen Momenten.
Jenseits von Eden fließt langsam, aber kraftvoll.
Auf jeder Seite kommst du dir selbst ein Stück näher, begegnest deinem inneren Cal und Aron.
Und diesen berühmten Satz vergisst man nie:
„In jedem Herzen gibt es sowohl Dunkelheit als auch Licht; was du nährst, das wächst.“
Das Wichtigste, das ich aus diesem Buch gelernt habe, ist:
Gut und Böse existieren nicht draußen – sie leben in uns.
Jede Entscheidung bestimmt eine Richtung.
Steinbeck erinnert uns daran, dass wir, egal wie oft wir fallen, wieder neu beginnen können.
Jenseits von Eden ist nicht nur ein Roman; es ist ein Epos über die Verantwortung des Menschseins.
Während es uns die grausamen Wahrheiten zeigt, lässt es doch immer ein Licht der Hoffnung brennen.
Und dieses Licht trägt einen Namen: Timshel – du kannst wählen.
Manchmal liest du ein Buch, und es ist, als hätte jemand deine innere Stimme in Worte gefasst …
Jenseits von Eden ist genau so ein Roman.
Mit jeder Seite lernst du nicht nur die Figuren, sondern auch dich selbst kennen.
Willst du gut sein – oder einfach nur verstanden werden?
Steinbecks Antwort ist klar: „Du kannst wählen.“
Und vielleicht ist die Sache wirklich so einfach.
Deniz Boyraci / Literatur Zeitung / Dezember 2025 / Ausgabe 35

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